Ein Segen - keine Plage!

18 Sep 18
AGZ

Basierend auf einer Studie von Santésuisse prophezeit die NZZ vom 17.9.2018 eine teure Überversorgung mit Ärzten. Was die Studie nicht erwähnt: Eine hohe Ärztedichte ist für die Schweizer Bevölkerung keine Plage, sondern ein Segen! 

Ein Kommentar von Dr. Josef Widler, Präsident der Ärztegesellschaft Zürich 

Gerade eben aufgrund der hohen Ärztedichte herrschen in der Schweiz Top-Standards, wenn es um den Zugang für alle zur Gesundheitsversorgung und um kurze Wartezeiten geht. Der dritte Platz der Schweizer Gesundheitsversorgung in einer Studie, die 2017 Gesundheitssysteme von 195 Ländern verglich, kommt nicht zuletzt dank einer guten Versorgungssituation zustande.

Was die Studie unterschlägt: die Strategie „ambulant vor stationär“ von Bundesrat Alain Berset braucht mehr Ärzte, sonst drohen Wartezeiten und Rationierungen in der ambulanten Versorgung – und das will die Bevölkerung definitiv nicht. Schweizerinnen und Schweizer sind sehr wohl bereit, die Kosten für den grossen Nutzen einer hochwertigen Versorgung zu bezahlen. Dazu gehören die freie Arztwahl und kurze Wartezeiten. Dies belegen mehrere Studien des Forschungsinstituts Polynomics, das auch für die von Santésuisse publizierte Studie zur Ärztedichte verantwortlich zeichnet.

Darin zeigt sich, dass die Versicherer an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei politisieren. Die Gesundheitskosten sind zwar auf einem hohem Niveau, steigen aber zurzeit nicht - was man von den Krankenkassenprämien nicht behaupten kann. Meine Schlussfolgerung daraus? Santésuisse will die Versorgung für die Versicherten verschlechtern, obwohl dies den Interessen der Versicherten diametral entgegen läuft!

Eigentlich stellt die Studie gute Fragen zur Versorgungsforschung. Schade ist aber, dass man sich dabei nur auf die “ambulante Versorgung” beschränkt. In Zeiten von “ambulant vor stationär” und integrierter Versorgung macht es keinen Sinn, den Blick nur auf die ambulante Versorgung und deren Ärztedichte zu werfen. Denn seit Jahren finden Verschiebungen von stationär zu ambulant statt und hierzu fehlt schlicht und einfach der Blick aufs Ganze.

Die Frage lautet doch: Wer braucht was, wann und wo? Eine seriöse Versorgungsforschung mit Gesamtblick über alle Gesundheitssektoren ist nötig. Anstatt beim Lobbyverband Santésuisse sollte diese aber bei den dafür zuständigen Stellen in Politik und Verwaltung stattfinden!

Ein Segen - keine Plage!

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