Wer kann schon prahlen – mit Mindestfallzahlen?

19 Apr 18
AGZ

Mit Mindestfallzahlen pro Operateur möchte der Gesundheitsdirektor die Qualität von Operationen sichern. Über Sinn und Unsinn solcher Zahlenmeierei lässt sich trefflich streiten.

Eine Glosse von Dr. med. Jürg Knessl, MAE, CAS MedLaw, ehemaliger Präsident der ZGO und SGOT

Die Maus hat einen Berg geboren. Dank hochspezialisierter Geburtshilfe geht auch so etwas. Natürlich ambulant, wie denn auch sonst? Einen Berg nämlich aus Mengenausweitung, Kostenzunahme und Indikationsstreckung. Die klugen Chinesen wussten es schon immer: „Alle Menschen sind klug, die Einen vorher, die Anderen nachher“.

Man stelle sich einmal einen älteren, erfahrenen Dirigenten vor, der beschliesst, künftig nur noch ein Konzert pro Monat zu geben. Das ständige Herumreisen und die Übernachtungen in immer neuen Hotels bereiten ihm nämlich langsam weniger Freude als auch schon. Dann teilt ihm auf einmal das zuständige Kulturdezernat mit, er müsse, aus Gründen der heute dringend gebotenen musikalischen Qualität, das ist man dem zahlenden Zuhörer ja schuldig, allermindestens alle zwei Wochen dirigieren, sonst nehme man ihm den Taktstock weg.

Oder möchte man, als ein zweites Beispiel, wenn das eigene Haus brennt, Feuerwehrmänner zu Hilfe rufen, die weniger als 15 brennende Häuser jährlich löschen? Gott behüte! Solche Stümper, die ganz offensichtlich keine genügende Übung haben können, will man auf keinen Fall. Nun: Was macht man dann als ein in die administrativ verordnete Arbeitslosigkeit abdriftender Pompier? Man legt selber Feuer oder stiftet dazu ein paar hochmotivierte Pyromanen an. Die soll es, sagt man, sogar bei der Feuerwehr geben. 

Aber zurück zur Medizin. Sollte ein Case load nicht eher die Anzahl der pro Jahr behandelten Kniearthosen, konservativ und operativ, beinhalten? Ist es nicht vielmehr ein Erfolg und ein Ausdruck von Qualität, Patienten grössere Operationen und damit auch entsprechende Risiken zu ersparen, geschweige denn auch die damit verbundenen Kosten? 

In einem Punkt sind wir uns, so glaube ich, sicherlich einig: Man kann die Qualität nicht mit rein quantitativen Parametern messen. Das gilt ganz in besonderem Masse für die ärztliche Indikations- und Behandlungsqualität. Bei der praktischen Fahrprüfung ist auch nicht massgeblich, wie viele Kilometer man gefahren ist, sondern wie.

Es wäre zu begrüssen, wenn man bei Gelegenheit das Thema der Mindestfallzahlen – so man eine solche Mindestfangquote denn wirklich als sinnvoll betrachtet – noch etwas vertiefter anschauen könnte, insbesondere im Hinblick auf den nicht ganz auszuschliessenden Nutzen der kumulierten Behandlungs- und Operationserfahrung. Eine prinzipielle Unterscheidung zwischen den Mindestzahlen im Rahmen der Weiterbildung zum Facharzt einerseits, also bis man‘s kann, und andererseits einer empfohlenen Mindestanzahl, damit man nicht relevant aus der Übung kommt, wäre ein sinnvoller Ansatz. 

Wer kann schon prahlen – mit Mindestfallzahlen?

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