Die Würde des Arztes

JuergKnessl
13 Mär 18
AGZ

Die Würde des Menschen ist unantastbar – für HALBGÖTTER gilt dies sinngemäss nur halb.

Ein Kommentar von Dr.med. Jürg Knessl, MAE, CAS MedLaw, ehemaliger Präsident der ZGO und SGOT

Alle reden von der Autonomie und Würde des Patienten. Das ist auch richtig so. Aber nicht nur dem Patienten steht Würde und Autonomie zu, sondern auch dem Arzt. Auch der Arzt ist nämlich nicht Mittel zum Zweck, darf dazu nicht degradiert werden. Die Autonomie des Arztes gilt es zu verteidigen, damit der autonom und menschenwürdig handelnde Arzt frei ist, die Autonomie und die Menschenwürde des Patienten adäquat zu berücksichtigen.

In Deutschland werden Chefärzte zunehmend auf Probe angestellt. Die Probezeit beträgt zwei Jahre. Die für eine definitive Anstellung relevanten Kriterien sind dann jedoch mitnichten die fachliche Qualität, die Verantwortung, die Befähigung zur Lehre und Forschung, die Belastbarkeit, der Charakter, die Menschenfreundlichkeit und Güte. Es ist viel einfacher: Das Kriterium ist der erzielte Umsatz gemäss Vorgaben. Typische Frage beim Klinik-Abteilungsrapport im September: „Hat noch jemand eine Oma, die eine TP brauchen könnte?“ Das ist schlicht und einfach unwürdig.

Ärzte und Ärztinnen sollten ihre diagnostischen und therapeutischen Entscheide zum Wohl der ihnen anvertrauten Patienten und Patientinnen treffen, ausdrücklich ohne Weisungsrecht Dritter, wozu sie ja auch gemäss der geltenden Standesordnung der FMH verpflichtet sind. Die Ärzteschaft sieht sich heute zunehmenden Pressionen ausgesetzt, sei es seitens der eigenen Spitalleitung, der Politik, der Medien und der Kostenträger. Die Würdenträger der Kostenträger sind heute die eigentlichen Experten für die Medizin. Alle Macht den Kassen! Während das Wort Qualität sich eines schwindelerregend inflationären Gebrauchs erfreut, geht es praktisch nur noch um das Materielle. Für die Ärzte und Ärztinnen muss wieder gelten, diesem kräftezehrenden Druck standzuhalten und eigenständig zu bleiben. Sonst wird der Arztberuf zu etwas ganz anderem, Unerfreulichem und für die Patienten potentiell Schädlichem.

Ich war schon immer ein Anhänger von Albert Camus. Sein „absurder Künstler“ erschafft Dinge, von denen er von Anfang an weiss, sie würden keinen Bestand haben, Extrembeispiel: eine Sandburg, die von den Wellen wieder rasch abgetragen wird. Und der „absurde Kämpfer“ kämpft im Wissen, dass er unterliegt. Warum tut er das also? Um des Kämpfens, um seiner Würde und nicht zuletzt seiner Selbstachtung willen. Der Arzt kann nur dann eigenverantwortlich ethisch handeln, wenn er auch in eigener Kompetenz, ohne Weisungsrecht Dritter, hinsichtlich der angemessenen Therapie zum Wohle seiner Patienten entscheiden kann. Muss er hingegen als Freipraktizierender privatrechtlich weiterhin für Dinge geradestehen, die er nun nicht mehr selber entscheiden und beeinflussen kann, entsteht eine rechtlich ausgesprochen eigenartige und zudem psychologisch reichlich unfaire Situation.

Die von den Medien so unzutreffende wie dämliche und jeweils auf Knopfdruck Mantra-artig heruntergeleierte Formulierung „Halbgötter in Weiss“ hat Auswirkungen. Ein Gott arbeitet ja bekanntlich für Gottes Lohn. Das ist Allgemeinwissen. So ist es nur logisch und naheliegend, dass Halbgötter für die Hälfte zu arbeiten haben. Das entspricht einfacher Arithmetik und erklärt sogleich hinreichend die nachgewiesene Halbierung der indexbereinigten Arzteinkommen seit 1970, wie in der im Jahre 2012 zuletzt publizierten Einkommensstatistik der Ärzte eindeutig belegt. Seit 2013 darf der Verband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH ihre Einkommensstatistik nicht mehr veröffentlichen – das Bundesamt für Sozialversicherungen hat es gesetzlich verboten! Ein Schelm, der Böses denkt.

Doch, verzagt nicht, die Rettung naht. Sie naht nämlich in der Gestalt der Rundschau des Schweizer Fernsehens vom 20. Februar 2018. Im Rahmen der vorangehenden Ansage zur Sendung über die Einkommen der Chefärzte und „Belegärzte“ (Belegärzte, eine Kategorie, welche noch schnell und zur zitierten Studie eindeutig inhaltswidrig angefügt wurde, da die Studie die Belegärzte gar nicht zum Thema hatte) kündigte man, laut und deutlich, eine Ausstrahlung zu den Einkommen der „GÖTTER in HALBWEISS“ an! Halleluja! Hast noch der Söhne ja, in den Medien zumindest… Die Halbgötter sind nun wieder Götter! Wer hätte das erwartet! Das gibt aber subito eine Verdoppelung der Einkommen und endlich die lang erwartete und die seit dem Anfang der 90er Jahre nie stattgefundene Anpassung der Honorare an die allgemeine Teuerung. Aber Spass beiseite. Dann bin ich nämlich lieber, wie man im Dialekt sagt „Halbschue in Edelweiss“! Die Farbe ist halt einfach geil.

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