Schweizer wollen nicht bei der Gesundheit sparen

Montag, 25. Juni 2018
AGZ

Die Bevölkerung ist höchst zufrieden mit dem Gesundheitssystem. Das zeigt der Gesundheitsmonitor 2018. Sparmassnahmen bei der Gesundheit sind so unpopulär wie schon lange nicht mehr.

Erschienen in der NZZ am 19.06.2018
Autor: Simon Hehli

Soziale Themen treiben die Schweizer um: Die Sicherung der Altersrenten und die Arbeitslosigkeit haben im vom Meinungsforschungsinstitut GFS Bern erstellten Sorgenbarometer die Migration vom Spitzenplatz verdrängt. Auf Platz vier folgt die Gesundheitspolitik. Das überrascht angesichts der stetig steigenden Krankenkassenprämien kaum. Doch die Schweizer reagieren darauf nicht etwa mit der Forderung nach tieferen Prämien – sondern mit der vehementen Verteidigung des umfassenden Leistungskatalogs. Das zeigt der Gesundheitsmonitor 2018, den das GFS im Auftrag des Pharmaverbandes Interpharma erstellt hat. Rund 1200 Personen wurden in diesem Rahmen befragt.

Die Bevölkerung ist ungemein zufrieden mit dem Gesundheitssystem, 87 Prozent haben ein positives Bild davon – dieser Anteil ist in den vergangenen fünfzehn Jahren stark gewachsen. Hauptgrund dafür ist die herausragende Qualität medizinischer Leistungen. Es findet sich beinahe niemand, der diese nicht für mindestens «eher gut» hält. Vier von fünf Befragten wollen auch das 1996 eingeführte Krankenkassenobligatorium beibehalten. Selbst unter den Sympathisanten der SVP, die als einzige Partei immer wieder gegen die Zwangsversicherung opponiert, geniesst diese eine breite Unterstützung. Auch die von linker Seite kritisierten Kopfprämien sind weitgehend unbestritten.

Gegen Abbaumassnahmen

Dass dieses System nicht nur gut ist, sondern auch exorbitant teuer – damit scheinen sich die Leute abgefunden zu haben. Kaum jemand rechnet damit, dass die Kosten in naher Zukunft zurückgehen könnten. Eine Haltung zieht sich erstaunlich konsequent durch die Antworten: Wenn wir schon so viel bezahlen, wollen wir auch beste Medizin dafür erhalten. 70 Prozent möchten die kassenpflichtigen Leistungen so umfangreich belassen wie heute, 16 Prozent fordern gar einen Ausbau. Ob psychische und stressbedingte Erkrankungen, Prävention oder gewichtsbedingte Beschwerden – die Bevölkerung pocht darauf, dass die Versicherer bezahlen. Deutlich weniger Leute als letztes Jahr sind bereit, für eine Kostensenkung auf die freie Arztwahl oder den Zugang zu neuen Medikamenten zu verzichten. Auch bei der Therapie von seltenen Krankheiten ist das Preisschild heute weniger wichtig.

Im Vergleich zum letztjährigen Gesundheitsmonitor gab es derart starke Veränderungen, dass die Studienleiter zuerst leer schluckten. Viele Resultate widersprechen auch der Intuition. So empfinden offenbar nur noch 16 Prozent der Befragten die Prämien als Problem für ihren Haushalt, ein Minus von 18 Prozentpunkten. Dies, obwohl die Krankenkassenrechnungen auch dieses Jahr mit rund 4 Prozent viel stärker gestiegen sind als die Löhne. Doch die GFS-Forscher haben einzelne Fragen zur Überprüfung noch in anderen Umfragen gestellt und kamen zu ähnlichen Resultaten. GFS-Co-Leiter Urs Bieri macht in der Bevölkerung eine allgemeine Reformmüdigkeit aus, was sich auch im Nein zur Rentenreform und zur Unternehmenssteuerreform III gezeigt habe. «Die Leute sind verunsichert und sagen: Jetzt reicht es einmal mit Neuerungen – zumal sie auch den Status quo als zufriedenstellend wahrnehmen.»

Auf das Gesundheitswesen bezogen: Derzeit dominieren laut Bieri die Verlustängste auf der Leistungsseite. Insofern ergebe es Sinn, dass 54 Prozent angäben, dass die Prämien zwar hoch, aber tragbar seien. «Das ist ein subjektives Empfinden», erklärt Bieri. «Wenn man einen Leistungsabbau verhindern will, gibt man eher an, dass die Prämien noch tragbar sind.» Weil die tiefen Einkommensklassen durch Prämienverbilligungen stark entlastet werden, ist es eine minderheitliche Gruppe des Mittelstands, die sich mit den Krankenkassenrechnungen schwertut. Anders sieht es bei den Kosten für Zahnarztbehandlungen aus, die alle aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen müssen: Sie stellen für jeden Dritten zumindest gelegentlich ein Problem dar.

Franchise unverändert lassen

Dass die Besitzstandwahrung wichtig ist, lässt sich an weiteren Resultaten ablesen. Anders als noch im letzten Jahr ist es derzeit offenbar nicht mehrheitsfähig, die Minimalfranchise von heute 300 Franken zu erhöhen. Einen FDP-Vorstoss, der genau dies fordert, hat der Nationalrat in der Frühlingssession angenommen. Wenig Sukkurs geniesst augenblicklich auch die automatische Anpassung der Franchisen an die Kostenentwicklung, wie sie der Bundesrat beschlossen hat. «Die Menschen sind derzeit kaum offen für solche Experimente», sagt GFS-Forscher Bieri.

Er hält die erstaunlichen Meinungsänderungen jedoch für eine Überreaktion in Zeiten grosser politischer Dynamik. «Es ist eine Momentaufnahme und die Resultate müssen nicht heissen, dass alle künftigen Projekte zum Scheitern verurteilt sind.» Zur Diskussion stehen derzeit mehrere Reformen, die aber laut Umfrage allesamt einen schweren Stand haben. Die Unterstützung von immerhin 47 Prozent finden Massnahmen zur Kostenbegrenzung, falls die Krankenkassenprämien stärker steigen als die Löhne. Dies entspricht dem Geist einer von der CVP kürzlich lancierten Initiative.
Sehr skeptisch sieht die Bevölkerung hingegen ein «hartes» Globalbudget, das Ärzten und Spitälern einen jährlichen Kostenrahmen setzen würde. Die Leute erwarten, dass sie keine freie Arztwahl mehr hätten und mit längeren Wartezeiten sowie schlechterer Qualität rechnen müssten. Niedrigere Prämien dank dem Globalbudget erhofft sich nur eine Minderheit.

Bereits weiter vorangeschritten sind die Diskussionen um die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen (Efas). Die Kantone, bis anhin die einzigen Gegner, haben sich im Mai im Grundsatz zu einem solchen Schritt bereit erklärt.

Efas soll dazu führen, dass mehr Operationen ambulant erfolgen, da dies günstiger ist. Dieser Meinung sind auch die meisten der Befragten. Trotzdem glaubt vorläufig nur eine Minderheit, dass die einheitliche Finanzierung tatsächlich tiefere Prämien und mehr Qualität zur Folge hat. Solche Resultate sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen: Die Meinungsbildung zu diesen relativ neuen und komplexen Themen ist noch lange nicht abgeschlossen.

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