Krankenkassen sollten uns belohnen, nicht bevormunden

Montag, 2. April 2018
AGZ

Bei der Helsana bekommen Kunden, die gesund leben, neu einen Rabatt. Die Kritiker, die dadurch gleich die Solidarität im Gesundheitswesen bedroht sehen, liegen falsch. Aber es gibt bessere Sparideen, als die Versicherten zu überwachen, schreibt Alain Zucker.

Erschienen in der NZZaS vom 24.03.2018
Autor: Alain Zucker

Wer lebt gesünder: ein etwas übergewichtiger Feinschmecker, der dank unverkrampftem Genuss sein seelisches Wohlbefinden im Gleichgewicht hält? Oder ein Asket, der sich nur Schonkost und auch sonst wenig Freuden im Leben gönnt?

Auf solch rutschiges Terrain begibt sich die Krankenkasse Helsana mit ihrem neuen Angebot. Über eine App können Grundversicherte, die sich sportlich betätigen, regelmässig zur Vorsorgeuntersuchung gehen oder in einem Verein mitmachen, einen kleinen Teil ihrer Krankenkassenprämie zurückerhalten. Die Nachweise können sie direkt einspeisen, sei es über eine Foto, sei es über Daten von anderen Gesundheitsapps, die etwa die Zahl gelaufener Kilometer messen.

Auch wenn die mögliche Einsparung von unter 100 Franken pro Jahr momentan vor allem der Eigenwerbung der Helsana dient – es ist ein Tabubruch. Bisher galt in der Grundversicherung: gleiche Leistung für gleiche Prämie für alle. Es ist denn auch keine Überraschung, dass diese Woche die Empörung hochkochte, nachdem das Bundesamt für Gesundheit die App bewilligt hatte. Von Diskriminierung von Kranken war die Rede, vom Verschwinden der Solidarität, vom Ende der obligatorischen Krankenversicherung gar.

Grosse Worte, doch was passiert wirklich? Mit der Einführung solcher Boni für gesundes Verhalten verschiebt sich in der Krankenversicherung das Gleichgewicht zwischen Solidarität und Eigenverantwortung in Richtung Eigenverantwortung. Das ist nicht falsch, denn in den vergangenen Jahren ging es in die andere Richtung:

Die Leistungen der Grundversicherung wurden, unter anderem wegen des medizinischen Fortschritts, ausgebaut, die Prämien stiegen stetig, das heisst, die Solidarität mit den Kranken nahm zu. Was den unschönen Nebeneffekt hat, dass der Anreiz für alle gestiegen ist, das System auszunützen, möglichst viel zum Arzt zu gehen. Es ist wie beim All-inclusive-Buffet: Da isst man auch mehr, als nötig wäre.

Eigenverantwortung hingegen führt im Gesundheitswesen in der Regel dazu, dass weniger Leistungen bezogen werden und die Kosten sinken. Was ja das Ziel hinter der Helsana-App ist. Nur: Schlägt die Helsana den richtigen Weg ein?

«Kommt es wirklich zu den angestrebten Verhaltensänderungen, profitiert die Allgemeinheit», sagt der Basler Gesundheitsökonom Stefan Felder. Die Idee ist auch nicht diskriminierend, sofern alle die Chance haben, Punkte für den Rabatt sammeln. Sie hat aber drei Schwächen:

Zum einen impliziert die Idee eine Wertung, wie gesunder Lebenswandel auszusehen hat. Es ist eine sanfte, aber eindeutige Bevormundung der Leute, die ja sehr unterschiedliche soziale und genetische Voraussetzungen mitbringen.

Zweitens gaukelt man eine Scheinpräzision vor. Dass es gesünder ist, nicht zu rauchen oder sich regelmässig zu bewegen, werden wenige bestreiten. Aber wie sieht es nur schon bei viel Sport aus? Ein Kampfjogger tut etwas für seinen Kreislauf, schädigt dafür aber vielleicht seine Knie, das hängt auch von seiner Disposition ab.

Und drittens ist die Idee ohne Überwachung nicht richtig umsetzbar, man erlaubt dem Versicherer Zugriff auf private Daten, einen Einblick in die innerste Privatsphäre, der zumindest gewöhnungsbedürftig und im schlechtesten Fall anfällig für Missbräuche ist.

Es gibt weniger einschneidende Mittel, um die Leute dafür zu belohnen, dass sie ihr Verhalten ändern. Und wir kennen sie schon, wenden sie aber zu wenig grosszügig an. Erhöht man in der Grundversicherung etwa die Franchisen und die damit einhergehenden Rabatte, erreicht man das Gleiche, wie Gesundheitsökonomen sagen: Die Leute gehen weniger schnell zum Arzt, rennen nicht wegen jeder Kleinigkeit in den Notfall.

Auch höhere Rabatte für Versicherungslösungen mit eingeschränkter Arztwahl bremsen die Lust der Versicherten auf den Besuch beim Doktor, namentlich auf eine nimmer enden wollende Spezialarzt-Odyssee. All dies geschieht, ohne dass man die Leute bevormunden und kontrollieren muss.

Wollen sie weniger zum Arzt gehen, um Geld zu sparen, kommen sie selber zur Einsicht, wie sie gesünder leben. Sogar chronisch Kranke und die Alten profitieren von höheren Franchiserabatten – allerdings indirekt: Gehen weniger Leute zum Arzt, die es nicht nötig haben, sinken die Gesundheitskosten und damit die Prämien, für alle.

So gesehen, verliert auch der Kampfbegriff der Zweiklassen-Medizin an Kraft, der immer ins Feld geführt wird, wenn es um Sparideen geht, die Leistungen einschränken – wie eben die höheren Franchisen oder gar ein Streichen von nicht zwingenden Behandlungen aus der Grundversicherung.

Wir sollten uns auch nicht darüber aufregen, dass sich Wohlhabende über Zusatzversicherungen oder als Selbstzahler teurere und exklusivere Behandlungen leisten können als andere. Das war schon immer so und ist nicht entscheidend. Wir müssen unser Gesundheitssystem vielmehr daran messen, ob es auch Leuten mit tiefen Einkommen und dem Mittelstand weiterhin eine qualitativ hochstehende medizinische Versorgung ermöglicht:

Da wird es angesichts stetig steigender Prämien ohne Einschränkungen auf das Notwendige und Wirksame schwierig. Zahlbar ist weniger der Rolls-Royce als der VW. Ans Ziel kommen beide.

Erhöht man in der Grundversicherung etwa die Franchisen und die damit einhergehenden Rabatte, erreicht man das Gleiche.

© NZZ am Sonntag

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