Kollaps beim Notfalldienst abgewendet

Mittwoch, 11. Januar 2017
AGZ

BAUMA Im Herbst schlugen die Baumer Hausärzte Alarm. Wegen Unterbesetzung waren sie nicht mehr in der Lage, den Notfalldienst zu bewältigen. Jetzt ist eine Lösung gefunden. Einige Fragen bleiben jedoch.

Erschienen am 11. Januar 2017 im Zürcher Oberländer

Der medizinische Notfalldienst hat ein Kapazitätsproblem. Insbesondere in ländlichen Gebieten fehlt der Hausärzte-Nachwuchs. Immer weniger Ärzte müssen die Versorgung von immer mehr Patienten sicherstellen. Wie prekär die Situation ist, zeigte sich vergangenen Herbst im Notfallkreis Bauma-Fischenthal- Wald. Aus Mangel an Personal blieb das Notfalltelefon seit Oktober zeitweise unbesetzt. Anrufer wurden an das Spital Wetzikon verwiesen.

In ihrer Not wandten sich die Baumer Hausärzte Markus Karzig und Beat Staub im November an die Öffentlichkeit (wir berichteten). «Die Belastung ist für uns nicht mehr tragbar», sagte Staub. Allein im vergangenen Jahr habe er rund 600 Stunden unentgeltlichen Pikettdienst geleistet. «So kann es nicht weitergehen.»

Jetzt zeichnet sich eine Lösung ab. Durch die Vermittlung von Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) haben sich die Gemeinden und die Ärztegesellschaft Zürich auf einen Kompromiss geeinigt. Als Vertreter der Gemeinden sass Jörg Kündig (FDP), Vorsteher des Zürcher Gemeindepräsidentenverbands, am Diskussionstisch.

Statt wie bisher 38 verschiedene Notfallkreise wird es in Zukunft im Kanton Zürich nur noch eine einzige zentrale Koordinationsstelle geben. Dadurch soll weniger Personal nötig sein.

Eine grosse Belastung
Die Lösung kommt im allerletzten Moment. Zunächst sah es so aus, als würde sich die Situation in diesem Jahr weiter zuspitzen. Drei der acht Ärzte aus dem Notfallkreis Bauma-Fischenthal-Wald scheiden aus dem Notfalldienst aus. Auch das Unternehmen SOS-Ärzte, das bisher einen grossen Teil der Wochenend- und Nachtschichten übernahm, kündigte seinen Vertrag mit dem Notfallkreis per Ende Jahr. Der Grund: Die Leistung sei wegen der langen Pikettzeiten nicht mehr kostendeckend.

Aufgeben ist für die ortsansässigen Ärzte aber keine Option. Sie sind gesetzlich zum Organisieren und Leisten des Notfalldiensts verpflichtet – auf eigene Kosten. «Es geht uns nicht ums Geld», sagt Staub, «doch mit so wenigen Leuten ist es für uns nicht mehr möglich, den Notfalldienst in der bisherigen Form zu stemmen.» Besonders ärgerlich gewesen sei der Unwille der Gemeinden, einen Beitrag zum Notfalldienst zu leisten. «Da sie bisher nichts bezahlen mussten, fehlte offenbar das Bewusstsein für den Aufwand, der hinter dem Notfalldienst steht», sagt Staub.

Die Lösung kommt 2018
Die Tösstaler Hausärzte waren mit ihrem Problem nicht allein. Auch in anderen Zürcher Gemeinden stossen die Ärzte an ihre Leistungsgrenzen, erhielten aber keine Unterstützung von den Gemeinden. Die kantonale Ärztegesellschaft schlug darum ein neues Modell vor und wollte die Gemeinden zur Kasse bitten: Diese sollten künftig pro Einwohner und Jahr 10 Franken für den Notfalldienst bezahlen. Das lehnten die Gemeinden ab. Sie wehrten sich mit dem Hinweis, die Ärzte seien per Gesetz für den Notfalldienst zuständig.

Der nun erzielte Kompromiss ist für die Gemeinden günstiger, da die personellen Ressourcen besser genutzt werden können. Der Kanton und die Gemeinden beteiligen sich finanziell an der Organisation, aber nicht an den medizinischen Leistungen.

Die neue Koordinationsstelle wird den Betrieb aber erst ab 2018 aufnehmen können. Der Plan sieht darum vor, den Notfalldienst im Jahr 2017 wie bisher weiterzuführen. Um den Ärztemangel im oberen Tösstal bis dahin zu überbrücken, wird der Notfallkreis Bauma-Fischenthal- Wald aufgeteilt. Fischenthal und Wald werden dem Notfallkreis Rüti zugeschlagen, Bauma dem Notfallkreis Wetzikon. Damit gibt es für alle drei Gemeinden mehr Ärzte, die sich den Notfalldienst teilen.

Nachwuchsproblem bleibt
Staub ist erleichtert. «Die Gemeinden haben verstanden, dass sie eine Mitverantwortung tragen », sagt er. Die geplante Triage halte er für einen guten Ansatz. «Damit wird verhindert, dass die Landärzte verheizt werden.» Eine langfristige Lösung für das Nachwuchsproblem sei das neue System aber nicht. «Wenn die Entwicklung so weitergeht wie bisher, wird sich die Personalknappheit zuspitzen.» Eine mögliche Alternative seien die Notfallstationen der Spitäler. Diese hätten aber einen Nachteil. «Spitalärzte sind Spezialisten und haben mehr technische Möglichkeiten zur Verfügung. Die setzen sie auch ein, weshalb die Behandlungskosten für Notfallpatienten im Spital deutlich höher ausfallen als beim Hausarzt », sagt Staub. Dem soll in Zukunft eine geplante hausärztliche Notfallpraxis am GZO-Spital Wetzikon entgegenwirken. Auch die Baumer Ärzte werden dort in Zukunft, zusammen mit anderen Hausärzten aus dem Oberland, Notfalldienst leisten.

Ein weiteres Problem beschäftigt Staub. «Die bisherigen Verhandlungen fanden nur zwischen den Ärzten und Behörden statt. Die Patienten wurden nicht einbezogen.» Es stelle sich die Frage, ob der Notfalldienst in der heutigen Form überhaupt noch einem Bedürfnis entspreche. «Ich bin zwar überzeugt, dass es gerade in ländlicheren Gebieten, wo die Wege lang und die Spitäler weit entfernt sind, auch in Zukunft einen Notfalldienst braucht.» Wie das Personal ab 2018 genau eingeteilt werde, sei derzeit noch Gegenstand von Verhandlungen. «Doch ob es in jedem Dorf eine 24-Stunden- Bereitschaft braucht, ist fraglich », sagt Staub. «Mittelfristig wird das wohl kaum aufrechtzuerhalten sein.»Manuel Bleibler

Die Einwohner von Fischenthal und Wald können sich neuerdings in Notfällen an die Telefonnummer 0900 144 919 und die Einwohner von Bauma an die Telefonnummer 0900 144 145 wenden.

Erschienen am 11.01.2017 im Zürcher Oberländer

Kollaps beim Notfalldienst abgewendet

Informiert bleiben