«Teilzeitstellen sind nicht nur ein Wunsch der Frauen»

Sonntag, 4. Dezember 2016
AGZ

Sven Streit vom Institut für Hausarztmedizin der Uni Bern weiss, was die nächste Generation Hausärzte will.

Erschienen am 4.12.2016 in der Schweiz am Sonntag, Interview mit Samuel Thomi 

 

Zwei Oberaargauer Ärzte verzweifeln fast bei der Nachfolgeregelung. Ein Einzelfall oder herrscht in Bern bereits Hausärztemangel?

Sven Streit: Seit Jahren steuern wir in der Schweiz und im Kanton Bern auf einen Hausärztemangel zu. Laut einer aktuellen Umfrage unter Hausärzten und solchen in Weiterbildung werden bis 2020 allein in Bern 240 Hausärzte pensioniert. Bis 2030 gar
745. Somit braucht es zur Kompensation ab sofort gut 50 neue Haus ärzte jedes Jahr – 70 pro Jahr, wenn der Teilzeitwunsch mit berücksichtigt wird.

In der Debatte zum Hausärzte mangel wird oft auf die Feminisierung des Berufsstandes verwiesen. Was sagt die Wissenschaft dazu?

Künftige Hausärzte wollen im Schnitt 70 Prozent einer 50-Stunden-Woche arbeiten – Ärzte gut 80 Prozent, Ärztinnen knapp 66 Prozent. Das sind keine Fantasiezahlen, sondern Ergebnisse von Umfragen unter Mitgliedern des Vereins Junge Hausärzte in den letzten Jahren. Teilzeitstellen sind also nicht einfach nur ein Wunsch der Frauen. Das zeigt sich auch daran, dass einer von drei Befragten kleine Kinder hat. Womit feststeht, dass die Feminisierung nicht schuld ist am Hausärztemangel.

Vielmehr wurde zu spät auf die zu geringe Zahl an Studienplätzen reagiert. Nicht nur die absolute Ärztezahl ist nämlich für eine gute Versorgung wichtig, sondern auch die Verteilung der Facharzttitel. Unattraktiv machen den Beruf laut unseren Umfragen etwa sinkende Realeinkommen, die unsichere gesundheitspolitische Lage oder zeitliche Belastung. Daran hat sich seit der massiven Zustimmung 2014 zum Bundesbeschluss über die Medizinische Grundversorgung einiges verbessert.

Wie wird der Hausarzt-Beruf wieder attraktiver?

Zum Beispiel indem die jungen Hausärzte jährlich in Thun an einem Kongress 500 künftige Hausärzte zusammenbringen. Dort spürt man, dass eine Gegenbewegung angelaufen ist. Aber nicht vergessen: Bis eine Studentin eine Praxis eröffnet, vergehen etwa 15 Jahre. Zuversichtlich stimmt mich auch, dass immer mehr Studierende bei uns über Hausarztmedizin dissertieren.

Werden die Arbeitsbedingungen vor und im Studium genug thematisiert?

Laut unserer Erfahrung zu wenig. An Vorträgen spüre ich immer wieder die grosse Unsicherheit bei Studierenden, was danach kommt. Auch das grosse Interesse an der neuen Homepage www. myaim.ch zur Vernetzung junger Hausärzte zeugt davon. Diese haben wir kürzlich mit Partnerorganisationen lanciert.

Sind die Jungen auch gewillt, Notfalldienst zu leisten?

Laut unseren Umfragen sagen drei von vier jungen Hausärzten Ja. Nur denke ich, müssen die Bedingungen dafür stimmen, dass das auch mit Kindern und berufstätigen Partnern möglich ist.

Bern testet sogenannte Praxisassistenz stellen: Der Schlüssel zum Erfolg?

Wir haben nachgefragt und herausgefunden, dass fast 80 Prozent der Absolventen des Programms heute als Hausarzt tätig sind – die meisten auf dem Land. Dieses Assistenzjahr in einer Hausarztpraxis gepaart mit unserer Begleitung sind ein Schlüssel zum Erfolg. Doch die Finanzierung durch den Kanton läuft 2017 aus. Aufgrund des Erfolgs möchten wir das Programm nicht nur weiterführen, sondern ausbauen. Gespräche dazu laufen.

Die Uni Bern erhielt vom Bund eben 25 Millionen Franken Anschubfinanzierung, um ab 2018 jährlich 100 zusätzliche Ärzte auszubilden. Wie werden diese Hausärzte statt Spezialisten?

Diese zusätzlichen Studierenden sind Herausforderung und Chance zugleich. Um möglichst viele Hausärzte zu gewinnen, organisieren wir die Praktika möglichst früh – ein weltweit erprobtes Mittel, um die Attraktivität der Hausarztmedizin zu steigern.

Erschienen am 4.12.2016 in der Schweiz am Sonntag, Autor: Samuel Thomi 

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