Der Notfalldienst wird hinterfragt

Sonntag, 4. Dezember 2016
AGZ

Um den Hausarzt zu retten, müssen andere Arbeitsbedingungen her – fordern Oberaargauer Ärzte stellvertretend für viele ihrer Zunft.

Erschienen am 4.12.2016 in der Schweiz am Sonntag, Autor: Samuel Thomi 

 

Hausärzte, die eine Nachfolge suchen, habens schwer. Erst recht auf dem Land. Nicht zuletzt, weil nachfolgende Hausärztinnen und Hausärzte meist Teilzeit arbeiten wollen, um den Familienalltag mit der Praxis in Einklang zu bringen (siehe auch Interview unten). – Ist der Hausärztemangel so noch zu meistern?

«Eigentlich haben wir nicht mehr daran geglaubt, für mich noch eine Nachfolge zu finden», erzählt Dieter Braun. Jahrelang hielt er mit seinem Ärzteteam unter Kollegen Ausschau, schrieb Spitäler an, schaltete Inserate und bezahlte sogar einen Headhunter, um die Nachfolge zu regeln. «Null Reaktion, einfach gar nichts.» Dass es im kommenden Januar für seine Patienten trotzdem weitergeht, sei darum «ein riesiges Glück», erzählt der Hausarzt, der seit 28 Jahren im Oberaargau wirkt.

Doch der Reihe nach: Als der Journalist in der Gruppenpraxis Zelgli in Madiswil zum Gespräch eintrifft, sitzen am Tisch im Sitzungszimmer drei weitere Personen. Christoph Hug, seit 26 Jahren ebenfalls im Oberaargau tätig, sowie die Hausärztinnen Rita Fankhauser und Olga Felix. Erstere trat bereits vor vier Jahren in die damals noch getrennten Praxen von Braun und Hug ein. Letztere stiess vor knapp einem Jahr zum Team, das seit zwei Jahren gemeinsam die Gruppenpraxis beim Bahnhof Madiswil betreibt. Nebst der zeitgemässen Infrastruktur und dem Gewinn von Synergien sehen sie die Gruppenpraxis als Chance, dass Mütter und Väter einfacher Teilzeit arbeiten können. «Das ist ein rasant wachsendes Problem, gerade in unserer Branche», so die Ärzte.

«Dann muss ich Beruf aufgeben»

Damit sind wir beim Grund des Besuchs: Rita Fankhauser und Olga Felix wären nämlich interessiert, mehr Verantwortung zu übernehmen in der Gruppenpraxis Zelgli. Doch beide haben zu Hause auch noch eine Familie mit Kindern. Und die Ehemänner der beiden arbeiten ebenfalls. «So, wie die meisten Hausärzte heute in der Region arbeiten, kann ich das nicht», sagt Olga Felix. Nebst der Arbeit ist sie auch verantwortlich für ihr Kind und will dieses aufwachsen sehen. «Ändert sich nichts, muss ich den Beruf aufgeben oder mir eine Stelle in einem Kanton suchen, der die Notfalldienste anders handhabt», lautet Felix’ Fazit. «Das wäre äusserst schade», wendet Dieter Braun ein, «wenn so gut ausgebildete junge Frauen den Job wegen struktureller Probleme aufgeben müssen.» Bei Olga Felix’ Anstellung einigte sich das «Zelgli»-Team nämlich darauf, dass die anderen ihre jeweils 24 Stunden dauernden sogenannten Hintergrunddienste mit Hausbesuchen übernehmen. «Auf Dauer ist das zwar keine Lösung», sagt die Hausärztin. Und gegen den zweiten Dienst, den sogenannten Zentralen Notfalldienst in den Abendstunden am Spital SRO in Langenthal, hat sie nichts einzuwenden. Das sei planbar. Doch der Ärztliche Bezirksverein Oberaargau, welcher den Notfalldienst im Auftrag des Kantons organisiert, sieht Ausnahmen nur ungern. Dennoch würden Stellen immer öfter «Ohne Dienstpflicht» ausgeschrieben, heisst es in der Diskussion am Sitzungstisch. Womit sich das Problem verschärft. Sprich: Die Notfalldienste werden auf immer noch weniger Schultern verteilt. Dabei möchte Olga Felix doch nur eines: in Madiswil in der Gruppenpraxis bleiben. «Hier fühle ich mich sehr wohl und verstanden.»

Mehrheit gegen Notfalldienste

Statt weiter die Faust im Sack zu machen, nahm Rita Fankhauser das Heft in die Hand: «Wir müssen doch Fakten haben», sagte sie sich und fragte im Herbst bei allen Kolleginnen und Kollegen in der Region nach. Überraschend: 85 Prozent der Antwortenden möchten den Notfalldienst ganz oder teilweise abgeben, davon rund drei Viertel den Hintergrunddienst. Die zentralen Notfalldienste am Spital SRO in Langenthal sind für die meisten – so auch die Ärztinnen der Gruppenpraxis Zelgli – gut machbar. Sogar 93 Prozent der Oberaargauer Ärzteschaft wollen laut Umfrage darüber diskutieren, wie der Notfalldienst besser organisiert werden könnte. «In dieser Deutlichkeit haben mich die Ergebnisse der Umfrage überrascht», bilanziert Fankhauser. Ebenso überrascht worden sei sie aber auch von Antworten, aus denen überhaupt kein Verständnis für ihr Anliegen hervorging.

«Die Zeiten ändern sich gewaltig», kommentiert Dieter Braun. «Wir waren in der komfortablen Lage, dass unsere Frauen in all den Praxis-Jahren uns den Rücken freigehalten haben.» Ob Tag oder Nacht, Wochen- oder Sonntag, fast immer sei er einsatzbereit gewesen. «Treten nun junge Hausärztinnen, die auch Mütter, Ehe- und Hausfrauen sind, in unsere Fussstapfen, ist es doch gerechtfertigt, dass sich diese Kolleginnen selber organisieren dürfen.» Und Hug ergänzt: «Eigentlich sollten wir doch froh sein und uns freuen, dass sich diese bestens ausgebildeten Frauen für unseren Beruf interessieren.» Darum plädiert er dafür, die vielfach kritisch behandelte Feminisierung des Ärzteberufes als Chance zu sehen – «erst recht für die Hausärzte». Und weil die Ergebnisse ihrer Kollegin in der Ärzteschaft zu reden geben, haben Hug und Braun den Mitgliedern des Bezirksvereins einen Offenen Brief geschrieben. Dass sie damit auch über die Region hinaus auf einen wunden Punkt aufmerksam machen, zeigt nur schon die Tatsache, dass sich auch die kantonale Ärzte gesellschaft seit Anfang Jahr Gedanken dazu macht, wie die Notfalldienste in Zukunft neu organisiert oder allenfalls gar an Dritte ausgelagert werden können.

Strukturen bleiben männlich

Dieter Braun gibt zu bedenken, dass nicht nur der organisatorische Rahmen, sondern auch die Aufgaben des ärztlichen Notfalldiensts überdacht werden müssen. «Es sind oft belastende Situationen, die man antrifft, und als Allgemeinpraktiker sind unsere Möglichkeiten, zu helfen, ohnehin meist begrenzt.» Darum würde er mit seinem Kollegen Lösungen favorisieren, die den Notfalldienst professionalisieren. Und Hug sieht noch ein Problem in dem Bereich: «Der Beruf des Hausarztes wird immer weiblicher, doch die Standespolitik bleibt männlich, da die Frauen und Mütter eben meist nicht so flexibel sind, dass sie allzeit an Sitzungen teilnehmen können.»

Doch für Rita Fankhauser hat sich der Aufwand fürs Erste gelohnt. «Es scheint etwas in Gang zu kommen», freut sie sich. Mitte Monat nämlich trifft sich ein Ausschuss der Oberaargauer Ärzte, um die Notfalldienste ein erstes Mal zu diskutieren. Obwohl sie auch für diesen Abendtermin wieder mal kurzfristig ein Hüti für ihre Kinder suchen musste.

Erschienen am 4.12.2016 in der Schweiz am Sonntag, Autor: Samuel Thomi 

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