Im Notfall meldet sich der Anrufbeantworter

Donnerstag, 24. November 2016
AGZ

ZÜRCHER OBERLAND Immer weniger Hausärzte müssen immer mehr Notfalldienste leisten. Vor allem auf dem Land wird das zum Problem: In Wald, Bauma und Fischenthal müssen ab nächstem Jahr fünf Ärzte einen 24-Stunden-Betrieb aufrechterhalten.

Erschienen am 15.11.2016 im  Zürcher Oberländer, Autor: Andres Eberhard

Ihr Versprechen können sie nicht mehr halten: «Der Notfalldienst ist immer unter der Nummer 0900-144-244 erreichbar», steht auf einem Zettel, der an der Glastür zur Praxisgemeinschaft Bauma klebt. Das Wort «immer» müsste gestrichen werden. Zum ersten Mal war unter der Nummer an einem Samstagvormittag Ende Oktober niemand erreichbar. Eine Ärztin sei wegen Schwangerschaftskomplikationen frühzeitig ausgefallen.

«Wir konnten den Ausfall nicht kompensieren», sagt Beat Staub, gemeinsam mit Markus Karzig Inhaber der Praxis an der Bliggenswilerstrasse. Zu diesem Szenario wird es in Zukunft wohl häufiger kommen. Bereits am Vormittag des 20.11. sowie am 26.11. ganztags ist es wieder so weit. Dann wird dem Anrufer eine Stimme auf dem Anrufbeantworter mitteilen, dass er bitte ins Spital gehen solle. «Wir können den Notfalldienst schlicht nicht mehr stemmen», sagt Staub. Dass der Hilferuf der Baumer Landärzte gerade jetzt kommt, ist kein Zufall.

Wie der Notfalldienst in Zukunft sichergestellt werden soll, ist derzeit nämlich in vielen Gemeinden eine ungeklärte Frage. Bisher wurden die Hausärzte an den Wochenenden und in der Nacht von den SOS-Ärzten unterstützt. Diese Unterstützung fällt nun aber weg (siehe hier). Die Hausärzte befürchten einen Wechsel zurück zum alten System: dass sie allein vor Ort ohne externe Hilfe alle Notfalldienste übernehmen müssen – gerade in ländlichen Gegenden wie Bauma eine sehr delikate Aufgabe.

Bald nur noch zu fünft

Für die acht Ärzte im Notfallkreis Wald-Bauma-Fischenthal hiesse das, dass sie ab nächstem Jahr rund um die Uhr und während 365 Tagen für umgerechnet etwa 17 000 Menschen da sein müssten. Die Situation wird gar noch prekärer: denn neben dem Ausfall infolge Schwangerschaftskomplikationen wird das Team im nächsten Jahr weiter dezimiert. Eine Ärztin in Fischenthal liess sich pensionieren, eine andere ist aus Altersgründen nicht mehr notfalldienstpflichtig. Ab kommendem Juni sind sie also noch zu fünft.

Ursache: Hausärzte-Mangel

Er mache jetzt schon 65-Stunden-Wochen, sagt Karzig. Und Staub ergänzt: «Was wir machen, höhlt uns energiemässig aus. Was wir Patienten empfehlen, die vor einem Burn-out stehen, das werfen wir bei uns selber über den Haufen.» Auf die Frage, was getan werden müsste, sagt Staub: «Wir brauchen lokal Verstärkung.» Weil es aber nicht realistisch sei, dass drei Kollegen in die Region zögen und eine Praxis eröffnen würden, müsse die Dienstleistung eingekauft werden. Er sei der Meinung, dass die Finanzierung dieses Betriebs Aufgabe der Gemeinde wäre. Unrealistisch ist die Lösung mit mehr Ärzten vor Ort aus zwei Gründen.

Erstens gibt es einen Mangel an Hausärzten, vor allem in ländlichen Gebieten. Staub fragt rhetorisch: «Wenn nun die letzten Verbliebenen pensioniert werden, muss dann einer allein während 365 Tagen Dienst leisten?» Genauso sei es praktisch unmöglich, in der bestehenden Praxis zusätzliche Ärzte anzustellen, um die Vakanzen aufzufangen und die Notfalldienste besser zu verteilen. Auf ein Stelleninserat in der «Ärztezeitung» meldete sich beim letzten Mal kein einziger Kandidat. «Junge Ärzte können sich ihre Stelle heutzutage aussuchen», sagt Staub.

Eine der ersten Fragen beim Bewerbungsgespräch sei stets, wie viele Wochenend-Notfalldienste sie übernehmen müssten. Die Antwort – derzeit rund 45 – sei kein gutes Argument, wenn es in Zürich bloss 2 oder 3 seien. Der zweite Grund, warum Staub/Karzig die Notfalldienste nicht mit zusätzlichen Ärzten abdecken können, steht im Gesetz. So können die beiden, die mit ihrer eigenen Praxis den Status von Selbständigen haben, auch in der Nacht arbeiten und am Morgen wieder zum Dienst erscheinen – wenn auch übermüdet. Angestellte Ärzte hingegen müssen Ruhezeiten einhalten.

Notfallplan im GZO

Karzig betont, dass es ihnen nicht ums Geld gehe. Man sei auch bereit, sich an einem neu organisierten Notfalldienst im Turnus zu beteiligen. Derzeit arbeitet Karzig gemeinsam mit anderen Ärzten an der Entwicklung einer «Spital-Notfalllösung». Vorgesehen ist, dass die Ärzte aus der Region jeweils abwechslungsweise in den Räumen des GZO-Spitals Wetzikon in einer ambulanten Notfallpraxis Dienst leisten.

Allerdings ist diese Notfallpraxis kein Ersatz für den jetzigen Notfalldienst. Es ist nämlich lediglich vorgesehen, die Spitzenzeiten, also die Abendstunden von 19 bis 22 Uhr sowie einen Teil des Wochenendes, abzudecken. Zudem suchen die diensthabenden Ärzte keine Patienten auf, sondern betreiben lediglich eine Bagatell-Notfallpraxis vor Ort. Es muss also zusätzlich eine andere Lösung her. Oder nicht? Alternativen bilden etwa die Notfallstationen der Spitäler.

Diese werden schon heute immer häufiger auch für die Behandlung von Bagatellen aufgesucht, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Die Behandlungen sind rund dreimal so teuer. Staub setzt zum Schluss ein Fragezeichen: «Wir gehen bislang davon aus, dass die Bevölkerung den Rund-um-die-Uhr-Service will», sagt Staub, «aber vielleicht würde gar niemand den Notfalldienst vermissen.» Unfreiwillig verkommt die Region Bauma-Wald-Fischenthal zum Pilotversuch – beim nächsten Mal am 20.11., wenn es auf ihrem Anrufbeantworter wieder heisst: «Gehen Sie bitte ins Spital.»

Erschienen am 15.11.2016 im  Zürcher Oberländer, Autor: Andres Eberhard

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