«Das Ärztebashing muss endlich ein Ende haben»

Freitag, 11. November 2016
AGZ

Im Interview mit dem Tages Anzeiger stellt sich Josef Widler als neuer Präsident der AGZ vor und begründet seine Ziele. Im Interesse der Zürcher Ärzte eckt er an – bei Krankenkassen, Gemeinden und sogar den eigenen Berufskollegen. Dabei geht es um Geld, aber nicht nur.

Mit Josef Widler sprach Susanne Anderegg

Sie präsidieren seit eineinhalb Jahren die Zürcher Ärztegesellschaft und haben sich bereits unbeliebt gemacht: bei den Krankenkassen mit hohen Tarifforderungen und bei den Gemeinden, die neu für den Notfalldienst zahlen sollen. Haben Sie einen Profilierungsdrang?
Eigentlich nicht. Doch als ich Präsident wurde, habe ich mich erstmals eingehend mit den Tarifen befasst und gesehen, dass die Sache aus dem Ruder gelaufen ist. Unser Tarif, der Tarmed, wurde seit der Einführung vor zwölf ­Jahren nie angepasst.

Was ist genau das Problem?
Es gab Verzerrungen bei den Löhnen. Die Grundversorger, bei denen das Gespräch mit den Patienten im Zentrum steht, verdienen immer weniger. Der Stundenlohn von Psychiaterinnen, Kinderärzten und Hausärzten ist kleiner geworden, weil der Taxpunktwert sank – im Kanton Zürich von 97 auf 89 Rappen! Die Spezialärzte hingegen, die viele technische Leistungen erbringen, verdienen heute mehr. Zum Beispiel ein ­Augenarzt: Früher brauchte er für eine Star-Operation zwei Stunden, heute 20 Minuten. Dabei blieb der Tarif für diese technische Leistung gleich.

Das Problem ist längst erkannt. Die Schweizer Ärzteverbindung FMH und die Kassen haben den Tarif in den letzten Jahren überarbeitet. Doch die Zürcher Ärzte haben das Resultat abgelehnt, und in der Folge fiel es auch in einer landesweiten Abstimmung durch. Nun droht ein Tarifdiktat des Bundesrats.
Das stimmt nicht. Ich wollte nur ein Moratorium und Nachverhandlungen, was Bundesrat Alain Berset nun auch eingeräumt hat. Die FMH-Spitze befürwortete den Kompromissvorschlag, da sie befürchtete, Berset würde sonst einen ­Tarif verfügen. Das ist aber nicht eingetreten. Ich kritisierte nicht den neuen Tarif als solchen, sondern dass er kostenneutral eingeführt werden sollte.

Warum ist das nicht möglich? Zu den bestverdienenden Ärzten ­gehören Radiologen, ­Gastroenterologen und ­Augenärzte mit Einkommen weit über 300 000 Franken. ­Zuunterst ­rangieren ­Jugendpsychiaterinnen mit 107 000 Franken. Warum schafft die FMH da keinen Ausgleich?
Das ist nicht möglich, weil das Verhältnis nicht stimmt. Es gibt zu wenig Spezialisten, um die Hausärzte und Psychiater lohnmässig dorthin zu bringen, wo sie hingehörten. So viel kann man den Spezialisten nicht wegnehmen.

Sind die Spezialisten denn bereit, wenigstens ein Stück weit ­herunterzukommen?
Ja, das sind sie. Es ist unbestritten, dass sie Fett lassen müssen. Aber es reicht eben nicht. Deshalb sind wir gegen den neuen Tarif aufgestanden.

Gemäss der letzten FMH-Statistik beträgt der Medianlohn eines Allgemeinmediziners rund 200 000 Franken. Ist das zu wenig?
Das ist ein Unternehmerlohn. Er ist nicht zu vergleichen mit dem Lohn eines angestellten Arztes wie einem Oberarztlohn. Wenn nämlich der selbstständige Arzt ein halbes Jahr krank ist, bekommt er zwar den Lohnausfall durch seine Versicherung bezahlt. Doch wenn er wieder zu arbeiten beginnt, hat er kein Einkommen mehr – weil seine Patienten in der Zwischenzeit den Arzt gewechselt haben. Er hat ein unternehmerisches Risiko, das sein Lohn abdecken muss.

Es gibt Ärzte, die mit ihrem Lohn zufrieden sind. Ein mir bekannter Kinderarzt, der seit Jahren eine eigene Praxis hat, stellt keinen Rückgang des Verdiensts fest. Sie hingegen haben keine Zahlen präsentiert, die den behaupteten Verlust belegen würden.
Wir sind daran, zu ermitteln, wie unsere finanzielle Situation tatsächlich aussieht. Unter Berücksichtigung aller Faktoren.

Mit dem alten Tarifsystem, konnten früher auch Hausärzte viel mehr verdienen. Es gab damals welche, die mehrere Sprechzimmer hatten und pro Tag 40 bis 50 Patientinnen und Patienten sahen. Hängen Sie diesen alten Zeiten nach?
Nein. Man kann früher und heute auch gar nicht mehr miteinander vergleichen. Früher kamen die Patienten in die Praxis, um den Blutdruck messen zu lassen oder den Zucker zu bestimmen. Das brauchte nicht mehr als fünf Minuten. Heute messen sie den Blutdruck und den Blutzucker selber zu Hause. Zu mir kommen sie dann mit einer Excel-Tabelle und wollen das Problem besprechen. Das dauert länger.

Ist es nicht illusorisch, zu glauben, dass die Praxisärzte künftig mehr Geld bekommen werden als heute?
Ich glaube nicht. Man hat heute immerhin schon eingesehen, dass die grosse Steigerung der Kosten nicht bei uns, sondern in den Spitalambulatorien stattfindet. Das Ärztebashing muss endlich ein Ende haben.

Dafür machen Sie ­Imagewerbung. Im «Blick» berichtete eine ­sympathische Zürcher Hausärztin von ihrer Arbeit und dem Problem, genügend Zeit fürs Gespräch ­aufzubringen. In einem Brief an Politik und Kassen forderte sie bessere Tarife. Wie war das Echo?
Nicht schlecht. Etwa 1600 Personen haben den offenen Brief unterschrieben, darunter 400 Ärztinnen und Ärzte.

Das scheint nicht sehr erfolgreich. Angesprochen waren «besorgte Bürgerinnen und Bürger».
Wir sind zufrieden. Wir Ärzte kommen in der Zeitung sonst nur als Verursacher von Kosten vor. Wir müssen zeigen, dass wir auch andere Dinge machen.

Die Ärztegesellschaft hat die Verträge mit den Kassen gekündigt und verlangt eine Erhöhung des Taxpunktwertes von 89 Rappen auf 1 Franken. Warum die Provokation?
Die Forderung mag provokativ klingen und wird in den Verhandlungen sicher nicht sofort erfüllt werden. Aber unsere Forderungen sind nicht aus der Luft gegriffen, und wir können sie auch mit Daten belegen.

Ihr forsches Vorgehen wird auch von Ärztegesellschaften anderer Kantone missbilligt. Warum legen Sie sich mit Berufskollegen an?
Unterdessen hat sich das geändert. Sie finden jetzt auch, es sei keine so schlechte Idee, den Tarif nochmals zusammen anzuschauen.

Zum Notfall. Bisher organisierten die ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte in allen Regionen des Kantons die Notfallversorgung – gratis. Nun will die Ärztegesellschaft von den Gemeinden einen Beitrag von 10 Franken pro Einwohner. Warum?
Wir sahen, dass etwa 40 Prozent des Kantonsgebietes in der Nacht und an den Wochenenden von SOS-Ärzten versorgt wird. Das Problem ist, dass Nachtbesuche nicht rentieren. Wir mussten damit rechnen, dass die SOS-Ärzte das Telefon um 22 Uhr ab- und erst um 7 Uhr wieder einschalten würden. Deshalb gründete die Ärztegesellschaft eine AG, die den Notfalldienst rund um die Uhr sicherstellen wird. Mit einer einheitlichen kantonalen Notfallnummer, einer ärztlichen Triage, telefonischer Beratung, Übermittlung an eine Notfallpraxis und Hausbesuchen. Diese umfassende Dienstleistung ist nur möglich, wenn die Gemeinden zahlen.

Doch die wollen nicht. Sie haben extra ein Rechtsgutachten erstellen lassen. Es besagt, dass die Ärztinnen und Ärzte den Notfalldienst nicht nur leisten, sondern ihn auch organisieren müssen. 
Das sehen wir anders. Wir sind zwar verpflichtet, Dienst zu leisten. Doch die Organisation können wir jederzeit abgeben, dafür gibt es keine gesetzliche Verpflichtung. Da bin ich sicher, dazu brauche ich kein Gutachten. Als wir den Druck auf die Gemeinden erhöhten, sagten diese, wenn schon, müsse der Kanton zahlen. Mir ist egal, wer von beiden zuständig ist. Klar ist nur, dass wir nicht mehr alles allein bezahlen. Ein Beispiel: Die Ärzte in der Stadt Winterthur erbringen Vorhalteleistungen für den Notfall im Wert von über einer Million Franken pro Jahr. Das gibt es sonst nirgends, weder bei der Feuerwehr noch bei Schutz und Rettung oder der Spitex.

Weshalb funktioniert denn der Notfall nicht mehr wie früher?
In drei bis fünf Jahren fällt ein Drittel der Hausärzte und Psychiater im Kanton Zürich weg – alte Kollegen, Selbstständigerwerbende, die beliebig einsetzbar sind. Die Jungen sind oft angestellt, das heisst, für sie gilt das Arbeitsgesetz. Und sie wollen auch nicht Tag und Nacht auf Abruf sein, wie die Alten es waren. Sie sagen: Ich habe noch Familie und will Freizeit haben. Die ärztlichen Ressourcen werden dermassen knapp, dass wir ein effizientes Notfallsystem brauchen.

Wie setzen Sie das konkret um?
Anders als heute beim Ärztefon, wo eine Praxisassistentin am Telefon triagiert, nimmt bei uns zwar eine Telefonistin den Anruf entgegen, dahinter steht aber bereits ein Arzt. Und zwar das ganze Jahr an sieben Tagen in der Woche und 24 Stunden am Tag. So können wir einen Grossteil der Fälle schon am Telefon abschliessen. Dafür brauchen wir aber sechs Stellen. Und das sind nicht Assistenten, sondern ausgebildete Fachärzte. Wenn eine Notfallkonsultation nötig ist, weisen wir die Patienten ausgewählten Praxen mit langen Öffnungszeiten zu. Und wenn ein Hausbesuch unabdingbar ist, schicken wir einen Arzt vorbei, der Notfalldienst hat. Indem wir das zentralisieren und nicht mehr jeder Bezirk seine eigene Organisation braucht, sparen wir personelle Ressourcen.

Also alles gut, ausser dass niemand die Vorhalteleistung zahlen will?
Leider nicht. Unser Problem sind die Hausbesuche. Die heutigen Ärztinnen und Ärzte sind zwar bereit, Notfalldienst zu leisten, aber sie wollen nicht 24 Stunden durchgehend erreichbar sein. Und tagsüber wollen sie ihre Praxis nicht verlassen. Wir brauchen also Leute, die Hausbesuche machen. Tag und Nacht. Und die müssen wir gescheit koordinieren. Leider ist der aufsuchende Dienst tariflich nicht kostendeckend.

Die Support AG der Ärztegesellschaft könnte also mangels Personal gar nicht den ganzen Kanton abdecken und propagiert dennoch ihr Modell mit einheitlicher Notfallnummer?
Momentan könnten wir 600 000 bis 800 000 Menschen mit dem Rundum­paket abdecken. Im nördlichen Kantonsteil läuft erfolgreich ein Pilot. Für eine Vollabdeckung haben wir noch zu wenig Leute. Es besteht aber auch nicht überall Bedarf. In Zürich etwa macht das ­Ärztefon die Notfallversorgung. Trotzdem müssen wir das neue Modell vorantreiben, bevor es überall brennt. Eine Professionalisierung ist dringend.

Gibt es Gemeinden, die mitmachen?
Ja, eine hat zugesagt, eine zweite wird bald folgen.

Was passiert, wenn eine Mehrheit der Gemeinden keinen Vertrag mit der Support AG eingeht?
Unsere Ärzte leisten weiter so viele Dienste wie bisher. Es wird aber an Ärzten fehlen, die am Tag und vor allem nachts Hausbesuche machen. Die Gemeinden müssen uns sagen, was wir in Zukunft aufs Band sprechen sollen. Zum Beispiel: «Wählen Sie 144, lassen Sie sich ins nächste Spital transportieren. Wir weisen Sie darauf hin, dass möglicherweise der Transport durch die Krankenkasse nur teilweise entschädigt wird. Ihr Gemeindepräsident.» Vielleicht sollten die Gemeinden einmal ihre Bürgerinnen und Bürger fragen. Ich bin überzeugt, dass diese unsere Initiative gut finden.

 

Quelle: Tages-Anzeiger, 08.11.2016

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