Ärzte nehmen neu Anlauf

Donnerstag, 20. Oktober 2016
AGZ

TARIFSTREIT - Nachdem der erste Vorschlag für einen neuen Ärztetarif keine Gnade gefunden hat, will die Ärzteverbindung FMH in einem Jahr einen zweiten präsentieren. 

Interview: Fabian Schäfer 

Es scheint ein fast unmögliches Unterfangen zu sein: Der Tarmed – der Ärztetarif für ambulante Leistungen – soll erneuert werden. Nachdem die Ärzteverbindung FMH einen Vorschlag vorgelegt hat und dieser von der eigenen Basis Anfang Sommer wuchtig verworfen worden ist, nimmt sie nun einen neuen Anlauf. Man strebe eine Verbesserung des abgelehnten Tarifs an, sagt FMHPräsident Jürg Schlup. Ziel sei, den Krankenkassen im Herbst 2017 eine Lösung zu präsentieren. Dass die von Bundesrat Alain Berset gesetzte Frist von Ende Oktober 2016 nicht dazu reichen würde, sich auf einen Vorschlag zu einigen, hatte sich für die FMH schnell abgezeichnet. 

Präsident Schlup kritisiert im Interview die Haltung der Krankenkassen zur Tarmed-Revision und wirft ihnen Kompromisslosigkeit vor. Man habe im Frühling tagelang verhandelt, aber die Kassen hätten sich kein Jota bewegt. «So mussten wir unserer Basis einen Vorschlag unterbreiten, der vorwiegend Verlierer schafft», so Schlup. In den Diskussionen über den neuen Tarif sei in den letzten Monaten so viel Geschirr zerschlagen worden, dass er nicht abschätzen könne, bis wann das alles wieder repariert sei.  


«Meinen Sie eigentlich, die Ärzte seien von Sinnen?» - Interview mit Jürg Schlup, Präsident der Ärzteverbindung FMH

Der Präsident der Ärztevereinigung FMH Jürg Schlup erklärt, warum es kurzsichtig ist, den Ärzten die Schuld an den stetig steigenden Krankenkassenprämien zu geben. Den Krankenkassen wirft er vor, sie agierten kompromisslos und wollten die Ärzte politisch desavouieren. 

Werden Sie dieses Jahr die Krankenkasse wechseln? 

Nein. Das habe ich noch nie gemacht. Ich bin seit Geburt bei derselben Krankenkasse versichert. 

Bei welcher denn? 

Visana 

Nicht gerade die billigste... 

Nein, aber die billigste ist nicht immer die beste. Ich verstehe, dass junge Menschen oder auch Familien bei der Wahl der Krankenkasse vor allem auf die Höhe der Prämien achten. Aber als Arzt hat man eine andere Optik. Da erlebt man täglich, wie stark sich die Krankenkassen unterscheiden, wenn die Leute krank werden. Es gibt Kassen, die kulant und speditiv arbeiten. Andere hingegen halten den Service auf tiefem Niveau. Oder sie beharren darauf, dass sogar Chronischkranke ihre teuren Medikamente zuerst selber bezahlen. Da bevorzuge ich eine Kasse, die bei Service und Abwicklung stark ist.

Dann nerven Sie sich wohl auch nicht, wenn Sie sehen, wie stark die Prämien steigen?

Tatsächlich. Ich kenne die Hintergründe und denke, dass die Prämien weiter steigen werden, hoffentlich aber weniger stark als dieses Jahr.

Ginge es nach den Ärzten, würden die Prämien noch stärker steigen. In einer Urabstimmung lehnten 90 Prozent Ihrer Basis die kostenneutrale Einführung des neuen Tarifs für ambulante Medizin ab. Das hätte einen riesigen Kostenschub von 3 bis 4 Milliarden Franken im Jahr ausgelöst. Halten die Ärzte das für zumutbar?

Gegenfrage: Meinen Sie eigentlich, die Ärzte seien von Sinnen? Natürlich wissen wir, dass ein solcher Kostensprung undenkbar ist. Wir haben das auch nie verlangt. Die Zahlen, die Sie nennen, stammen von den Krankenkassen. Sie sind falsch und dienen der Stimmungsmache. Man will uns Ärzte desavouieren, um unsere sachgerechten Forderungen abwehren zu können. In den Diskussionen über den neuen Tarif ist in den letzten Monaten so viel Geschirr zerschlagen worden, dass ich nicht abschätzen kann, bis wann man das alles wieder reparieren kann.

Was ist denn passiert?

Die Krankenkassenverbände machten entweder bei der Tarifrevision von Anfang an nicht mit oder verhandelten kompromisslos. Wir waren kompromissbereit, der FMH-Vorstand bot Hand für eine kostenneutrale Tarifeinführung, aber nicht um jeden Preis. Das Problem ist, dass man im Voraus nur ungefähr abschätzen kann, wie die Kostenneutralität zu erreichen ist. Man weiss nicht, wie sich ein neuer Tarif genau auswirken wird. Deshalb ist die Festlegung der entscheidenden Parameter primär Verhandlungssache und keine exakte Wissenschaft.

Und hier hätten Sie von den Krankenkassen mehr Goodwill erwartet?

Einen Kompromiss hätten wir erwartet. Wir verhandelten tagelang, aber die Kassen haben sich kein Jota bewegt. So mussten wir unserer Basis einen Vorschlag unterbreiten, der vorwiegend Verlierer schafft. Die Hausärzte sagten Nein, weil die Verbesserung aus ihrer Sicht zu klein war; die Chirurgen sagten Nein, weil sie zu grosse Verluste befürchteten. Und die Ärzteschaft hat aus der Vergangenheit gelernt.

Wie meinen Sie das?

Die Ärzte haben 2002 dem ambulanten Tarif zugestimmt, der heute noch gilt. Wir sagten Ja zum neuen Tarif, Ja zum Taxpunktwert von 1 Franken und Ja zur kostenneutralen Einführung. Doch statt diese nach einem Einführungsjahr zu beenden, wird diese Kostenneutralität faktisch bis heute weitergezogen. Die Taxpunktwerte wurden in fast allen Kantonen gesenkt und liegen heute durchschnittlich deutlich unter 90 Rappen. Das ist schon fast neutraler als neutral.

Die Kosten sind halt so stark gestiegen, dass man sie aus Rücksicht auf die Prämienzahler eindämmen musste.

Die Kosten steigen vor allem aus zwei Gründen: Erstens nehmen die Möglichkeiten der Medizin stetig zu, und damit steigt die Zahl der Erkrankten, denen wir helfen können. Zweitens führt die Entwicklung der Bevölkerung dazu, dass es immer mehr Patienten gibt mit Langzeit- oder Mehrfacherkrankungen, die naturgemäss mehr Leistungen benötigen. Damit steigen auch die Prämien.

Ganz direkt gefragt: Verdienen die Ärzte zu wenig?

Ärzte verdienen angemessen. Das Studium ist lang und hürdenreich. Die mehrjährige Weiterbildung zum Facharzt ist anspruchsvoll. Die tägliche Verantwortung ist hoch, die Risiken ebenfalls. Die Arbeitszeiten liegen deutlich über dem Durchschnitt, die Einsatzzeiten sind oft schlecht planbar. Es wird zwar niemand Arzt, weil er möglichst viel verdienen will, da gibt es einfachere Wege. Aber die Entschädigung spielt trotzdem eine Rolle. Man merkt das auch daran, dass wir immer mehr Mühe haben, die ausländischen Ärzte zu rekrutie- ren, auf die wir weiterhin angewiesen sein werden. Unser Einkommensvorteil nimmt ab, zumindest gegenüber Deutschland und Österreich.

Die Politik will die Abhängigkeit von ausländischen Ärzten reduzieren, indem sie die Zahl der Studienplätze erhöht. Wird das klappen? Und werden aus den neuen Studierenden wie erhofft primär Hausärzte?

Da bin ich zuversichtlich. Der Anteil der jungen Ärzte, die die Weiterbildung zum Facharzt für allgemeine innere Medizin wählen, ist seit Jahrzehnten stabil. Dieser Facharzttitel ist unter anderem die Grundlage für die Tätigkeit als Hausarzt. Es ist somit nicht so, dass wir zu viele Spezialärzte ausbilden, wie das zum Teil behauptet wird. Vielmehr ist es so, dass wir in der Schweiz insgesamt zu wenige Ärzte ausbilden. Der Unterschied ist einfach der, dass wir die Lücken bei den Spezialärzten dank der Zuwanderung füllen können, bei den Hausärzten jedoch nicht. Das ist das grosse Problem. Und bis sich hier die zusätzlichen Studienplätze auswirken, wird es noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern. 

Sie sind nun seit vier Jahren FMH-Präsident. Von aussen betrachtet ist das ein Horrorjob: Die Interessen der verschiedenen Gruppen von Haus-, Spital- bis Spezialärzten sind derart unterschiedlich, dass es die FMH fast zerreisst.

Sie übertreiben. Natürlich ist es eine anspruchsvolle Herausforderung, die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bekommen. Und ja, wegen der Diskussionen um den neuen Tarif liegen die Nerven ab und zu blank. Das gebe ich zu. Aber das ist immer so, wenn ein neuer Tarif erarbeitet wird. Das wird sich wieder legen. Die gemeinsamen Interessen der Ärzte sind grösser, als man momentan meinen könnte. 

Ihre Wahl an die FMH-Spitze war spektakulär: Sie waren gar nicht offizieller Kandidat und mussten sich im Ärzteparlament spontan vor Ort entscheiden, ob Sie Ihre Praxis aufgeben und die FMH führen wollen. Haben Sie Ihren Beschluss nie bereut?

(überlegt) Eigentlich nicht. Und wenn, dann höchstens ganz kurz. Es ist eine spannende Aufgabe. Im Unterschied zu meiner früheren Tätigkeit als Hausarzt gibt es als FMH-Präsident allerdings weniger Erfolgserlebnisse. 

Warum sind Sie eigentlich Hausarzt geworden? 

Weil ich die Menschen mag. Als Hausarzt hat man unmittelbaren Kontakt zu vielen völlig verschiedenen Menschen, begleitet sie oft über Jahrzehnte hinweg auch in schwierigen Lebenssituationen und kann ihnen oft ganz direkt helfen. Zum Teil begleitet man Familienmitglieder verschiedener Generationen. Die Arbeit ist anspruchsvoll, aber auch sehr interessant und befriedigend. 

Das tönt, als würden Sie diese Arbeit vermissen. 

Manchmal schon. Aber ich habe auch heute Kontakt mit vielen interessanten Menschen. Und spannend ist die Arbeit ebenso. Doch ich kann mir gut vorstellen, später wieder als Arzt zu arbeiten. Meine Praxis habe ich zwar verkauft. Aber Hausärzte braucht es bekanntlich immer. 

Jürg Schlup ist seit Ende 2012 Präsident der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH. In Zollikofen BE hat er zuvor eine Hausarztpraxis geführt. Schlup präsidiert die Ärzteverbindung FMH seit vier Jahren.


Die FMH wälzt zurzeit ein schwieriges Projekt: Sie will den überholten Tarif für ambulante Leistungen, den Tarmed, erneuern. Dazu hat sie in jahrelanger Kleinarbeit eine neue Tarifstruktur erarbeitet. Diese fand aber bei der eigenen Basis im Frühjahr keine Gnade. Das Hauptproblem: Die Ärzte konnten sich mit Krankenkassen und Bund nicht darauf einigen, wie man die von diesen verlangte Kostenneutralität erreichen will. Möglich ist, dass Bundesrat Alain Berset (SP) nach Ablauf der letzten Frist Ende Oktober selber einen Eingriff in den heutigen Tarif vornimmt, um akute Mängel zu beheben. Die FMH ihrerseits will laut Jürg Schlup so oder so weiterarbeiten: In enger Absprache mit den 90 Ärzteorganisationen, die der FMH angeschlossen sind, strebt sie eine Verbesserung des abgelehnten Tarifs an. Das Ziel sei, den Krankenkassen im Herbst 2017 einen neuen Vorschlag zu präsentieren.  


Quelle: BZ Berner Zeitung Gesamt 

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