Landärzte finden doch noch Nachfolger

Dienstag, 27. September 2016
AGZ

Der Ärztemangel im Kanton Zürich stellt vor allem für Hausärzte in Landgemeinden eine Herausforderung dar. Für einmal eine Geschichte mit Happy-End konnte der Landbote vom 31.08.2016 vermelden.

Nach 32 Jahren als Hausarzt ist für Walter Rüger Schluss. Morgen Donnerstag übergibt der 68-Jährige seinen Anteil der Gemeinschaftspraxis in Oberstammheim an Bystrik Baranec. Es ist nicht selbstverständlich, dass es zu dieser Lösung gekommen ist. Walter Rüger musste rund zwei Jahre lang suchen, bis er einen Nachfolger fand.

Denn erstens sind derzeit kaum freie Ärzte verfügbar, zweitens sollte es jemand sein, der eine ähnliche Philosophie vertritt und sich auch mit Praxispartner Urs Kappeler gut versteht. Walter Rüger und Urs Kappeler arbeiten seit 2004 eng zusammen und vertreten sich auch gegenseitig.

Ärzte stehen vor der Pension

Mit Bystrik Baranec, der aus der Slowakei kommt, klappte es auf Anhieb. Verständigungsprobleme gab es keine. Zumal der 42-Jährige in Wien studiert hatte und zuletzt 13 Jahre in Bayern praktizierte. Der Kontakt zur Arztpraxis im Stammertal kam über die Dienstleistungsorganisation FMH Services zustande.

Walter Rüger ist nicht der einzige Hausarzt im Weinland, der Mühe hatte, einen Nachfolger zu finden. Auch Urs Willimann aus Flaach musste länger suchen. Inzwischen hat aber auch er eine Lösung gefunden. Willimann konnte seine Praxis bereits Anfang Juli an eine deutsche Ärztin übergeben, die schon seit Jahren in der Schweiz praktiziert.

Gut vernetzte Ärzte im Vorteil

Obschon die beiden Ärzte im Weinland ihre Nachfolge regeln konnten, bleibt der Ärztemangel in der Region ein Thema. Insbesondere, da weitere Hausärzte vor der Pensionierung stehen, wie Yves Broccon sagt. Er ist Geschäftsführer von Hawadoc und berät in der Region mehrere Arztpraxen. «Die personelle Situation hat sich insgesamt aber entkrampft», sagt Broccon. Er ist überzeugt, dass nicht nur im Flaachtal und im Stammertal Nachfolger gefunden werden können, sondern auch in anderen ländlichen Regionen. Im Vorteil seien dabei Ärzte, die gut vernetzt sind und attraktive Arbeits­modelle bieten. Etwa mittels Gemeinschaftspraxen, die auch Teilzeitarbeit ermöglichen. So wie das unter anderem auch in Ossingen, Wiesendangen oder Pfungen der Fall ist. Gefordert seien aber auch die Gemeinden. «Sie können Anreize schaffen und zum Beispiel geeignete Räume zur Verfügung stellen.»

Besser als in Deutschland

Tatsächlich haben einige dieser Faktoren auch Bystrik Baranec dazu bewogen, von Bayern nach Oberstammheim zu ziehen. So hätten Gemeinden in der Region für den Start der Praxis eine Bürgschaft gewährt. Dem vierfachen Familienvater war es zudem ein Anliegen, dass er sich von einem Kollegen vertreten lassen kann und nicht ein übermässiges Arbeitspensum bewältigen muss. Auch wollte er sich mit einem Arzt austauschen können.

Was im Ärztehaus in Oberstammheim möglich ist, fand Bystrik Baranec in seiner näheren Umgebung in Bayern nicht. Kommt hinzu, dass er den Bürokratieaufwand in der Schweiz für kleiner hält als in Deutschland. «Das Gesundheitssystem für Hausärzte ist hier gerechter.» Als Standortvorteil entpuppte sich zudem die idyllische Lage Oberstammheims. «Nach der Praxis im Bayerischen Wald hätte ich mir nicht vorstellen können, in eine grössere Stadt zu ziehen», sagt Baranec. Als er das erste Mal in der Gegend war, seien ihm die schönen Weinberge aufgefallen.

Vertrauensverhältnis aufbauen

Ein Wechsel in die Pharmabranche oder in ein Spital war für Baranec kein Thema. «Als Hausarzt zu praktizieren, ist attraktiv», sagt er. «Ich schätze es, Patienten über Jahre hinaus zu betreuen und so näher kennen zu lernen.» Nun will Baranec zu den Einwohnern im Stammertal möglichst bald ein Vertrauensverhältnis aufbauen, was eine Herausforderung sei. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er Hochdeutsch spreche. Keine Mühe wird hingegen Walter Rüger haben, morgen Donnerstag seine Praxis zu übergeben. «Das ist für mich ein klarer Schnitt», sagt er. Geplant ist ein kleiner Umtrunk neben dem Ärztehaus. Danach freut sich Walter Rüger zuerst einmal darauf, nichts mehr geplant zu haben. Er könne sich aber vorstellen, auch künftig Vertretungen in der Praxis zu übernehmen.

Rafael Rohner (Landbote)

(Erstellt: 30.08.2016, 18:42 Uhr)

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