Gesundheitskosten: den ambulanten Bereich entwickeln

Donnerstag, 15. September 2016
AGZ

Jürg Schlup ist Präsident der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH. In der Rubrik «Was läuft falsch?» beschreiben Verbände und Organisationen, was sich ihrer Meinung nach in der Schweiz ändern müsste. Dieser Beitrag wurde am 30.8.2016 in der NZZ publiziert.

Für den Prämienanstieg ist neben den Faktoren «Fortschritt» und «Demografie» auch der Faktor «ambulant vor stationär» relevant.

Wenn über steigende Gesundheitskosten diskutiert wird, kommt vielfach zu kurz, dass wichtige Gründe hierfür eigentlich erfreulich sind: Unsere diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten nehmen stetig zu und damit auch die Zahl junger wie alter Menschen, die diese neuen – häufig hochspezialisierten – Leistungen in Anspruch nehmen. Zudem steigt die Nachfrage demografiebedingt durch die überproportionale Zunahme der über Sechzigjährigen, von denen mehr als die Hälfte mindestens eine chronische Erkrankung aufweist und deren Risiko für diverse Erkrankungen (Herz-Kreislauf, Krebs, Demenz) erhöht ist. Durch den medizinischen Fortschritt konnten die Lebensqualität und die Lebenserwartung vieler Patienten deutlich verbessert werden. Das bedeutet aber auch, dass die Behandlungen mehrfach und chronisch Erkrankter zunehmen. Unsere Versorgung bewegt sich dabei im internationalen Vergleich auf einem hohen Niveau. So gehört die Schweiz z. B. gemäss dem neuesten Euro-Health-Consumer-Index zur Minderheit der Länder in Europa, die keine nennenswerten Wartezeiten u. a. für Krebstherapien, aber sehr gute Überlebensraten und wenige verlorene Lebensjahre aufweisen.

Viele Eingriffe werden häufiger durchgeführt

Der Anstieg der Gesundheitskosten um 66 Prozent seit 1996 ist also durch die wachsende Nutzung einer immer besseren Versorgung erklärbar. Warum haben sich aber die Krankenkassenprämien im gleichen Zeitraum deutlich stärker – nämlich um 102 Prozent – erhöht? Dies liegt auch daran, dass ambulante Leistungen vollständig durch die Krankenkassenprämien finanziert werden, die stationären jedoch grösstenteils über Steuern. Wenn die Kosten im ambulanten Bereich um einen Franken steigen, bezahlt diesen zusätzlichen Franken vollumfänglich der Prämienzahler; steigen sie im stationären Bereich, bezahlt er nur 45 Rappen mehr.

Es entspricht nicht nur den gesundheitspolitischen Prioritäten des Bundesrats, sondern auch dem allgemeinen Trend in der Medizin, dass Behandlungen zunehmend nicht mehr stationär, sondern ambulant (und damit nicht mehr grösstenteils steuerfinanziert, sondern zu 100 Prozent prämienfinanziert) durchgeführt werden. Wenn man heutzutage für eine Leistenbruch-OP oder eine Krebsbehandlung nicht mehr ins Spital muss, sondern diese ambulant durchführt, senkt dies zwar die Gesamtkosten, erhöht aber die Prämien, weil die steuerfinanzierte Subventionierung stationärer Leistungen entfällt.

Gleichzeitig werden viele Eingriffe nicht nur zunehmend ambulant, sondern auch insgesamt häufiger durchgeführt, weil z. B. das Einsetzen einer neuen Linse oder eines Herzschrittmachers durch die älter werdende Bevölkerung mehr nachgefragt wird und durch eine verbesserte Eingriffstechnik mit weniger Risiko und Nebenwirkungen behaftet ist. Im jährlichen Prämienanstieg kombinieren sich folglich die Faktoren «Fortschritt», «Demografie» und «ambulant vor stationär». Das Eintreten der Ärzteschaft für einen sachgerechten ambulanten Tarif als bedeutenden Kostenfaktor darzustellen, ist hingegen unangemessen und unseriös: Ambulante Leistungen, erbracht durch praktizierende Ärzte und Spitalambulatorien, machen lediglich 24 Prozent der Gesundheitsausgaben aus, aber 43 Prozent der Prämien.

Medizinische Möglichkeiten nehmen zu

Was heisst dies für die Zukunft? Ein möglichst effizientes Gesundheitswesen muss den ambulanten Bereich entwickeln. Wenn «ambulant vor stationär» die Prämien übermässig steigen lässt, bietet sich als Lösung eine einheitliche Finanzierung für stationär und ambulant erbrachte Leistungen an. Diese würde zumindest den Prämienanstieg bremsen, welcher durch den Ersatz stationärer Leistungen durch ambulante verursacht wird. In Bezug auf die Gesamtkosten werden wir anerkennen müssen, dass – auch bei Ausschöpfen aller Effizienzpotenziale – die medizinischen Möglichkeiten zunehmen und damit auch die Zahl der Patienten, die von diesen profitieren möchten.

Allgemein

Informiert bleiben